Wer ist Wolfgang Schäuble?



Porträt von Bundesminister Dr. Wolfgang Schäuble im Tagesspiegel von Stephan-Andreas Casdorff

WOLFGANG SCHÄUBLES POLITIK?

Er würde, badisch-ironisch, wie er ist, sagen: einer höheren. Und hätte damit sogar nur unwesentlich übertrieben. Wolfgang Schäuble ist ein höchst moralischer Politiker. Dass er auch listig ist, spricht nicht dagegen. Seine Maxime ist wirklich und wahrhaftig die: Handle stets so, dass du dir im Spiegel in die Augen schauen kannst – und dein Handein anderen als Vorbild taugt. Wer nicht ewig strebend sich bemüht… Und das Bemühen soll ihm niemand absprechen, mindestens das nicht. Da kann er fuchsteufelswild werden, wenn es einer tut. Dann wird er nicht laut, das nicht, aber furchtbar schneidend und so beleidigend intellektuell. Jedenfalls empfinden das dann manche so, weil er sie seine Überlegenheit spüren lässt. Auch durchaus spüren lassen will. Das ist seine Art Rache, kühl genossen. Nur die Augen, die blau-blauen, sprühen dann. Erstaunlich, was man darin doch sehen kann. So ein Verhalten macht ihn, logisch, nicht immer allen sympathisch, es macht auch manchem Angst. Wer will schon gerne, na, nicht heruntergeputzt werden, aber als nicht satisfaktionsfähig, als zu klein dastehen. Wenige! Aber die Guten, denkt er sich, die halten’s aus. Und vielleicht hat Schäuble damit sogar ein ganz kleines bisschen Recht, denn bei den ganz, ganz Guten findet er Freunde. Wer kennt noch Hans-Peter Repnik? Der war Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion, ein sehr guter Entwicklungshilfefachmann außerdem, insgesamt ein toller Politiker, menschlich, klug, über die Parteigrenzen hinweg angesehen und gelobt. Der hat es mit ihm nicht nur ausgehalten, sondern auch vieles abgehalten an Kritik, dabei die eigene aber nicht zurückgehalten. Wenn so einer das kann…

WIE HART IST ER?

Manchmal weich, sehr weich. Wenn er von seinen Kindern spricht, zum Beispiel. Oder von der Arbeit seiner Frau Ingeborg, die die Welthungerhilfe fuhrt, in einer Weise, die auch wieder familienmäßig schäublesch ist: Uneitel, kompetent, schwätzt net viel, redet aber mit de Leut‘, ihnen nur nicht nach dem Mund, und wenn sie was sagt, dann hat das eine Aussage. Sowas bewundert er geradezu. Wenn er es auch nicht ganz so sagt. Allerdings wird die Stimme sanft. Wer ihn je hat reden hören, im Bundestag oder anderswo, auf Parteitagen, der weiß: Die Stimme kann auch schneidend werden. So – stählern. Doch das ist er nicht, weit gefehlt. Seine Gegner hätten ihn gerne so, eingeordnet in ein Klischee, weil sie ihn dann besser bekämpfen können. Er bietet ja zuweilen auch wirklich Anlass zu glauben, da arbeite einer, der kein Pardon kennt. Oder irgendwie keine Grenze in seinem Schaffensdrang, Schaffenswahn, in Regelungswut und mit dem unbedingten Willen zur Veränderung in seinem Sinn. So ungefähr klingt es doch, was die Opposition gegen ihn immer mal wieder vorbringt, die außerhalb und innerhalb seiner Partei, der CDU. Aber so ist es nicht und ist er nicht, nicht nur.

Ein Beispiel, eines aus einer Vielzahl, und aus einem Feld, in dem er ja schon mal tätig war: Bei der Kabinettsumbildung im April 1989 wurde Schäuble Bundesinnenminister, er übernahm das Amt von Friedrich „Fritz“ Zimmermann. Dieser CSU-Politiker war einer von der härteren Sorte. Nun, damals gab es auch sehr viele Problemfelder, Datenschutz, Asylrecht vor allem,auch Sicherheitsgesetze und die Ausländerpolitik. Im Gegensatz zu Zimmermann (und im Gegensatz zum Klischee) suchte Schäuble Kompromisse. Er fand sie auch, mit den FDP-Politikern Gerhart Baumund Burkhard Hirsch, die beide wie rote Tücher auf die Union wirkten. Dennoch gab es ein neues Ausländerrecht.

Ja, er testet Grenzen, das schon. Übrigens auch immer wieder seine. Aber er tut es doch verantwortungsbewusst. Er sagt, das sei sein Prinzip: Was er macht, macht er, um der Gesellschaft und dem Einzelnen möglichst viel Sicherheit garantieren zu können, wie es seines Amtes als Innenminister ist. Prinzipielle Politik? Auch. Das ist ein weiterer Teil seines Amtsverständnisses. (Neben der Tatsache, dass er als evangelischer Christ bestimmt zusätzlich daran denkt, dass der Mensch an sich schlecht ist.) Aber sein Verständnis als Parlamentarier – seit 1972, quasi seit Menschengedenken – ist, dass man jeden der Exekutive in die Schranken weisen kann. Sogar ihn. Nur Mut.

Ach ja: Wäre er hart, wirklich hart, wäre er heute Kanzler. Entweder immer noch oder gewesen. Dann hätte er, der stolze „Architekt der Einheit“, der den Vertrag aushandelte, Helmut Kohl beiseite geschoben, als er es konnte. Hat er aber nicht. Weil er es nicht mit sich vereinbaren konnte.

WIE EINSAM MACHT IHN DAS AMT?

Jeder Politiker mit Macht wird einsam, er merkt es nur nicht. Meistens erst nach dem Amtsverlust. Solange umschwirren ihn Satrapen und andere, ist immer Leben um ihn herum, wird er beachtet. Und man kann sich daran gewöhnen, bedeutend zu sein. Bis man es selber glaubt. Bei ihm, der so lange schon im politischen Geschäft ist, wird das auch ein Stück weit so sein. „Ein Stück weit“ ist eine seiner Lieblingsformeln. Und wenn den Helden ein wenig Einsamkeit umweht, dann hat das seine eigene faszinierende Ausstrahlung. Das weiß man ja auch aus der Literatur oder der Oper (die Schäuble sehr gerne besucht). Ansonsten ist er nicht so einsam. Seine Familie liebt den „Wolf, da ist er gut aufgehoben. Bei ihr fühlt er sich auch gut aufgehoben. Er ist kein gefühlig redender Mensch, aber, wie gesagt, man hört es ihm an.

WAS WILL SCHÄUBLE NOCH ERREICHEN, WAS KANN ER NOCH ERREICHEN?

Von Rainer Candidus Barzel, einem seiner Vorgänger im Amt des CDU-Bundesvorsitzenden und Fraktionschefs im Bundestag, ist der schöne Satz überliefert: „In aller Bescheidenheit, es geht um Deutschland.“ Also, ob der Satz nun so oder anders gefallen ist, er könnte von Schäuble stammen. Aber es gibt einen, den er gerne sagt, und der lautet: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass sich alles verändert.“ Das lässt Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem 1958 erschienenen Roman „Der Leopard“ seinen zwischen der Welt des alten Europa und der Moderne zerrissenen Helden Tancredi sagen. Und den hat Schäuble immer und immer wieder im Repertoire.

Weil er so denkt: Neue Wege, feste Werte. Das war übrigens der Titel einer wirklich guten Rede auf dem Leitkongress der Konrad-Adenauer-Stiftung im August 1998. Damals wie heute will er Folgendes erreichen: „Worum es geht, das ist, den Zwischenraum zwischen neuer Herausforderung und gefundener Lösung möglichst klein zu halten, sich möglichst schnell auf Neues einzustellen, sich nicht an unhaltbare Strukturen zu klammern, wenn sie ihren Grenznutzen überschritten haben. Worum es geht, ist also ein von ideologischen Scheuklappen nicht verstellter Blick für das Neue, sind Flexibilität und Reaktionsschnelligkeit in Bezug auf neue Lagen. Dann aber muss man versuchen, schon jetzt die Herausforderungen zu identifizieren, die uns die Zukunft bringen wird. Dann gilt es, gewissermaßen schon heute einen Blick auf die Tagesordnung der Zukunft zu werfen, um morgen gewappnet und darum übermorgen erfolgreich zu sein.“

Erklär‘ mir den Schäuble – dieses Zitat klingt wie der Leitfaden zum besseren Verständnis. Immerhin kann man sagen, dass er sich treu geblieben ist. Und dass er stetig eine Ecke weiterdenkt. Wer ihm das bestreitet, kann ihn kennenlernen. Aber anders als gedacht. Justizministerin Brigitte Zypries erlebt das von Zeit zu Zeit. Der nimmt er wirklich übel, dass sie aus seiner Sicht den Eindruck zu erwecken versucht, er wüsste nicht recht, wovon er redet. Das denkt seither er von ihr. Wenn er jetzt noch erreichen könnte, dass sie ihn halbwegs so respektiert wie sein sozialdemokratischer Vorgänger] Otto Schily (bei dem sie Staatssekretärin war), oder wie der deutsche Polit-Superstar Helmut Schmidt, dann wäre das schon was.

Was er wirklich erreichen kann, ist ein Erfolg bei der Islamkonferenz. Einer Einrichtung, die gerade zur Institution wird und die vor ihm nicht einmal die liberalsten Innenminister einzurichten geschafft haben. Außerdem kann Schäuble deutscher Rekordhalter im Parlament werden, wenn er 2009 wieder kandidiert, so gut, wie er beieinander ist. Der Rollstuhl ist kein Hindernis. Und dann noch viele weitere Jahre – man stelle sich vor: Alterspräsident Schäuble. Welche Rede er wohl halten würde? Bestimmt eine, die! ihn überdauert. Darüber hinaus kann er es auch schaffen, nicht wieder mit dem Rauchen anzufangen. Was er nicht mehr erreichen wird:! Wolfgang Schäuble wird, wenn nicht alles, alles anders kommt, nie Kanzler und nie Bundespräsident, obwohl zu beidem von seinen Gaben her befähigt. Er wird der Kanzler im Konjunktiv bleiben, der beste Kanzler, den Deutschland nie hatte. Helmut Kohl hätte viele Jahre ohne ihn nicht regieren können. Übrigens: Angela Merkel auch nicht.

WEGBEGLEITER An seiner Seite

DER BRUDER Thomas Schäuble. Wie Wolfgang Schäuble machte auch sein jüngerer Bruder Thomas Karriere als Berufspolitiker. Inzwischen ist der frühere badenwürttembergische Innenminister Chef der Staatsbrauerei Rothaus im Südschwarzwald („Tannenzäpfle“). Für Aufsehen sorgte Thomas Schäuble, als er nach dem Rücktritt seines Bruders als CDU-Chef im Jahr 2000 sagte: „Ich verabscheue Herrn Kohl.“ Mit diesem Satz spreche er für die ganze Familie. Kohl habe sich nach dem Attentat nicht um den Verletzten gekümmert, Mitgefühl vorgetäuscht und Schäuble auch später in der Parteispendenaffäre nicht unterstützt.

DIE EHEFRAU Ingeborg Schäuble lernte ihren späteren Mann 1968 in der Mensa der Freiburger Universität kennen. Ein Jahr später waren die beiden verheiratet. Seit 1996 ist die Volkswirtin Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Ihrem Mann ist sie in einem Vorsatz ähnlich: Nichts Überflüssiges mitzuteilen. Kurz vor der Bundestagswahl 1998 sagte sie auf die Frage, ob ihr Mann Kanzler werden solle: „Ich glaube, dass es nicht leicht wäre, der Öffentlichkeit das Bild eines Kanzlers im Rollstuhl zu vermitteln. Ich habe da sehr große Bedenken.“

ZUR PERSON

GEBOREN
Wolfgang Schäuble wurde am 18. September 1942 in Freiburg im Breisgau geboren.

KARRIERE
Schäuble sitzt seit 1972 im Bundestag. 1984 wurde er Kanzleramtschef, 1989 Innenminister. Ende 1991 wechselte er an die Spitze der Unionsfraktion. 1998 wurde er auch CDU-Parteichef, musste aber Anfang 2000 im Zuge der Spendenaffäre zurücktreten. Seit 2005 ist er wieder Bundesinnenminister.

FAMILIE
Schäuble ist verheiratet und hat vier Kinder.

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